

Kaum einer weiß, wie schmerzhaft das Öffnen von Archiven und die Bekanntgabe von ehemaligen Spitzeln unter totalitären Regimen ist wie in Deutschland. Noch heute sind Hunderttausende Familien hierzulande von den Informationen betroffen, die die Öffnung für die Einsicht der Stasi-Unterlagen mit sich brachte. Viele Bundesbürger können deshalb nachvollziehen, was der Bevölkerung in einem anderen europäischen Land jetzt bevorsteht, wenn rund 60.000 Namen von Regierungsspitzeln an die Öffentlichkeit gegeben werden.
Am 4. November ist es so weit und Ungarn schickt die Namen derjenigen heraus, die jahrzehntelang ihre Familien, Freunde, Nachbarn und Arbeitskollegen ausspioniert haben, um sie an das „Amt für nationale Sicherheit“ (Nemzetbiztonsági Hivatal) der kommunistischen ungarischen Regierung zu verraten.
Einlösung von Wahlversprechen
Die ungarische Regierung unter Ministerpräsident Péter Magyar geht davon aus, dass jede Familie in dem EU-Land mit rund 9,4 Millionen Einwohnern von der Veröffentlichung betroffen sein wird. Mit der Bekanntgabe der Daten löst der ehemalige Rechtsanwalt, der vor nur wenigen Monaten seinen Vorgänger Viktor Orbán spektakulär in den Wahlen zum Ministerpräsidenten geschlagen hatte, eines seiner wichtigsten Wahlversprechen. Unter seiner Regierung soll nichts mehr unter den Teppich gekehrt und die landesweite Korruption, die unter Orbán florierte, zu einem Ende gebracht werden. Dennoch sind Magyar und seine Regierung davon überzeugt, dass sich die Veröffentlichung der Daten für viele Ungarn als äußerst schmerzlich erweisen wird und Familien vom Inhalt der bisher hochgeheimen Daten auseinandergerissen werden. Aus diesem Grund werden Schulklassen bereits auf die möglichen Folgen der Bekanntgabe vorbereitet, und die Regierung ruft dazu auf, mit den veröffentlichten Daten vorsichtig umzugehen.
Nicht jeder ein freiwilliger Spion
Bei der Veröffentlichung weisen die ungarische Regierung und die Behörden darauf hin, dass nicht jeder freiwillig als sogenannte „Netzwerkperson“ agiert hatte. Viele Ungarn wurden durch Drohungen, Repressalien und Erpressung dazu gezwungen, Informationen über ihr nächstes Umfeld weiterzugeben. Auch nicht enthalten in den veröffentlichten Daten sind Angaben darüber, ob sich die Person der Anwerbung widersetzt hatte oder ob die Netzwerkperson wirklich richtige Daten weitergegeben hat. Im Ausgangspunkt werden nur Namen sowie allgemeine Daten wie Geburtsdatum und Adresse der Spitzel veröffentlicht. Wer den Namen eines Verwandten entdeckt, kann weitere Informationen über eine schriftliche Anfrage erhalten.