Forscher verabschieden sich vom Ziel Herdenimmunität

Wann kehrt die Normalität zurück? Wissenschaftler machen trübe Prognosen. „Wir verabschieden uns gerade von der Vorstellung, dass wir die Schwelle der Herdenimmunität erreichen und dass die Pandemie dann endgültig verschwindet“, sagt eine Epidemiologin aus Texas und sie ist damit nicht alleine.

Ein Ende der Pandemie durch Herdenimmunität wird immer unwahrscheinlicher. Das sagt unter anderem die Epidemiologin Lauren Ancel Meyers von der University of Texas in Austin. Sie und andere Wissenschaftler glauben, dass Covid-19 nicht aus unserem Alltag verschwinden wird, sobald mehr als 60 Prozent der Bevölkerung dagegen geimpft sind oder eine natürliche Immunität entwickelt haben. Stattdessen werde Corona sich wahrscheinlich zu einer endemischen Krankheit entwickeln, ähnlich wie die Grippe. Das hat mehrere Gründe.

Erstens: Natürliche Herdenimmunität stellt sich nicht ein
Brasilien zeigt als trauriges Beispiel, dass eine nahezu ungehemmte Verbreitung von Sars-CoV-2 nicht zu einer wirksamen Herdenimmunität führt, wie das vor allem zu Anfang der Pandemie von Lockdown-Kritikern behauptet wurde. Brasilien befindet sich ungebremst in der dritten Welle. Jede Welle war tödlich. Schon im Frühjahr und Herbst 2020 wütete Covid-19 besonders heftig in der Stadt Manaus. Wissenschaftler gehen davon aus, dass diese Wellen zwar durch eine gewisse Herdenimmunität abgeflacht sind, dass aber durch Mutationen immer wieder neue Wellen entstehen.

Die dritte Welle ist in Brasilien von der Variante P.1 und inzwischen einer weiteren Mutation geprägt. Diese Corona-Varianten verursachen derzeit fast 4000 Tote täglich und infiziert auch jene, die bereits Covid-19 hatten, indem sie Antikörper abblocken. Das Land befindet sich im medizinischen Kollaps. Die Krankenhäuser sind überlastet. Das Experiment „natürliche Herdenimmunität“ ist gescheitert.

Zweitens: Ungleichmäßige Verteilung der Impfungen
Aktuelle Daten deuten darauf hin, dass die Impfungen auch bei Variante P.1. noch vor einer schweren Erkrankung schützen. Theoretisch sind wir Corona damit einen Schritt voraus. Praktisch sind wir aber zu langsam.

Wenn nur wenige geimpft sind und gleichzeitig hohe Infektionszahlen bestehen, entsteht für das Virus ein Selektionsdruck. „Man hat eine gewisse Immunität in der Bevölkerung, zugleich aber noch viele Infizierte, und bleibt dann irgendwo in der Mitte hängen“, sagt Matt Ferrari, Epidemiologe am Center for Infectious Disease Dynamics der Pennsylvania State University. Dabei entstehe fast zwangsläufig ein Druck auf die Viren, Mutationen zu erzeugen, die Resistenzen hervorbringen. Ferrari glaubt, um das Virus auszulöschen, hätte die Impfkampagne weltweit perfekt koordiniert werden müssen.

Drittens: Impfungen verändern das Verhalten der Menschen
Selbst in Israel, wo inzwischen mehr als 60 Prozent der Bevölkerung geimpft sind, ist Covid-19 noch längst nicht ausgelöscht. Dvir Aran, vom Israel Institute of Technology in Haifa beobachtet hier wieder neue Probleme: Die Geimpften fühlen sich wieder sicher und verhalten sich nachlässiger. Doch „der Impfstoff wirkt nicht in allen Fällen“, sagt Aran und geht in einer Bespielrechnung von einem 90-prozentigen Schutz aus. „Wenn Sie vor der Impfung höchstens eine Person getroffen haben und jetzt mit der Impfung zehn Personen treffen, kommt das auf das Gleiche raus.“