Gesundheitssystem in Belgien überlastet: Infizierte müssen arbeiten

In Belgien wird wahr, was hierzulande noch wage befürchtet wird: Das Gesundheitssystem ist überlastet. Und es gibt Parallelen zur deutschen Versorgungslage. Heftig: Belgische Ärzte wurden zur Arbeit gerufen, obwohl diese mit Sars-CoV-2 infiziert sind, heißt es in einem Pressebericht.

Die Corona-Situation in Belgien ist ernst. Als „katastrophal“ bezeichnete sie Philippe Devos, Intensivmediziner im Krankenhaus CHC Montlégia in Lüttich (Belgien) im Gespräch mit der „Washington Post“. „Seit dieser Woche werden positiv Getestete gebeten, wieder zur Arbeit zu kommen, wenn sie asymptomatisch sind“, sagte Devos. Lüttich ist Haupt-COVID-19-Hotspot des Landes. Viele Ärzte und Pflegekräfte sind krankgeschrieben, weil sie selbst mit Corona infiziert sind. Diese seien nun zur Arbeit gerufen worden, weil es keine Alternativen gebe, so der Mediziner.

Dasselbe gelte für Polizisten, berichtet die „Brussels Times“. Demnach habe ein Polizeisprecher mitgeteilt, dass die Corona-Bestimmungen vorsehen, dass „ein Beschäftigter, der positiv und asymptomatisch ist, die Weisung hat, arbeiten zu gehen“.

Belgien hat nicht nur ein Corona-Problem, sondern auch ein Personal-Problem. In den letzten 14 Tagen wurden mehr als 1000 neue Fälle pro 100.000 Einwohner gezählt. Allerdings testet Belgien nur noch Personen die bereits Symptome entwickelt haben. Das Land hat laut „Washington Post“ keine Kapazitäten mehr, um deren Kontakte nachzuverfolgen und zu testen.

Dabei hatten die Belgier lange gehofft, dass sie die zweite Welle bezüglich ihrer Krankenhaus-Kapazitäten gut überstehen können. Denn, wie in Deutschland, ist Belgien sehr gut mit Intensivbetten ausgestattet. Aktuell sei laut der US-Zeitung sogar nur ein Viertel der Intensivbetten mit COVID-19-Patienten belegt. Es fehle jedoch akut an Personal, um die Kranken dort zu versorgen. Die Krankenhäuser meldeten, dass sie die Betten nicht nutzen könnten, weil die Personalkapazitäten knapp würden. Zu viele Pflegekräfte seien krank. In manchen Kliniken in Lüttich soll bereits ein Viertel der Belegschaft krankgeschrieben sein, weil sie sich selbst mit dem Virus angesteckt haben, sagte Devos.

Christie Morreale, die Gesundheitsministerin der französischsprachigen Region Wallonien, richtete am Freitag einen Appell an die Bevölkerung: Medizinisches Fachpersonal mit Erfahrung oder in Ausbildung möge sich einem Pflegeheim oder einem Krankenhaus engagieren, wenn sie etwas Zeit entbehren könnten. Die Ministerin legte dar, dass die Situation schlimmer sei als im Frühjahr.

Belgien hat nicht einmal halb so viele Einwohner wie Deutschland, zählt aber trotzdem mehr neue Fälle. In der vergangenen Woche wurden mit 15.432 Neuinfektionen ein neuer Höchstwert gemeldet.