Skandinavien in ultimativer Zerreißprobe nach Putin-Telefonaten

Die nordischen Länder Schweden, Dänemark, Finnland, Norwegen und Island werden international gerne als ein einheitlicher Block angesehen. Die einzelnen Länder teilen historisch, geografisch und politisch unzählige Gemeinsamkeiten und die Bevölkerungen der einzelnen Nationen haben auch in sprachlicher Hinsicht so viele Ähnlichkeiten, dass sie in ihren jeweiligen Landessprachen miteinander kommunizieren können.

Jetzt zeigen sich allerdings die ersten Brüche des Bündnisses, das gemeinsam einen nordischen Rat unterhält. Der Grund ist, vielleicht nicht überraschend, der russische Präsident Wladimir Putin, und die unterschiedlichen Haltungen, die die einzelnen Länder zum benachbarten Russland aufweisen. 

Deeskalation durch Kommunikation 

Sowohl der norwegische Ministerpräsident Jonas Gahr Støre als auch der finnische Präsident Alexander Stubb haben am vergangenen Dienstag als notwendig erachtet, zum Telefon zu greifen und den russischen Präsidenten anzurufen. Beide Länder teilen eine Grenze mit Russland und im arktischen Spitzbergen, das zum Hoheitsgebiet der Norweger gehört, aber seit mehr als 100 Jahren von sowohl Russen als auch Norwegern in Gemeinschaft bewohnt ist. Diese freundschaftliche Gemeinschaft droht allerdings seit Beginn des Ukraine-Kriegs auseinanderzubrechen und offene Feindseligkeiten zwischen den beiden Bevölkerungsgruppen beeinträchtigen den Alltag auf Spitzbergen zunehmend. Finnland hat mit rund 1340 Kilometern die längste Grenze zwischen Russland und dem Schengenraum und repräsentiert gleichzeitig den wichtigsten Teil der Nordflanke der NATO. Beide Regierungsoberhäupter haben zum Ausdruck gegeben, dass ihre Telefonate mit Putin der Deeskalation der augenblicklich angespannten Situation dienen sollten. Dänemark und Schweden zeigen sich aufgebracht über den vermeintlichen Vertrauensbruch und die Kommunikation mit dem Feind. 

Selenskyj bereits informiert 

Besonders die dänische Ministerpräsidentin Mette Frederiksen nimmt kein Blatt vor den Mund in ihrer Kritik an den nordischen Verbündeten. Der Kreml zeige immer wieder, dass er an Diplomatie nicht interessiert sei und die Telefonate nur als einen Erfolg der Einschüchterungen durch die hybride Kriegsführung ansehe. „Ich bin sehr skeptisch gegenüber dieser unabhängigen Initiative Norwegens und Finnlands. Sie wurde mit niemandem von uns abgestimmt“, sagte Frederiksen, als sie von den Telefonaten informiert wurde. „Ich sehe keine Anzeichen dafür, dass Russland Frieden mit Europa will – weder in der hybriden Kriegsführung, die jeden Tag stattfindet, noch in der Ukraine.“ Auch ihr schwedischer Amtskollege Ulf Kristersson ist nicht beeindruckt von den norwegischen und finnischen Alleingängen. „Mein Eindruck ist, dass alle Frieden wollen – außer Putin. Ich habe sehr geringe Erwartungen an diese Art direkter Gespräche“, sagte er und fügte hinzu, dass beide Länder durch die heimlichen Gespräche mit Putin Europa in den Rücken fallen. „Gespräche zu führen, die die europäische Stimme spalten könnten, ist riskant“, sagte Kristersson. Sowohl Norwegen als auch Finnland betonen, dass sie den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj unmittelbar nach den Telefonaten über den Inhalt der Gespräche mit Putin informiert haben. 

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Alexander Grünstedt