WHO fordert Maßnahmen: Situation in Europa „sehr besorgniserregend“

In Europa sei in zu vielen Ländern ein exponentieller Anstieg der COVID-19-Fälle zu verzeichnen. Die WHO bezeichnet die Lage als „sehr besorgniserregend“, weil die Kapazitäten der Intensivbetten den Bedarf bald nicht mehr decken könnten.

Mit Sorge beobachtet die WHO die Gesamtlage in Europa. Die Hälfte aller Neuinfektionen in den letzten 24 Stunden wurden dort gezählt, verkündete Maria Van Kerkhove, die technische Leiterin der WHO für COVID-19 am Freitag. Dies sei „sehr besorgniserregend“, denn “wir sehen nicht nur in vielen Städten in ganz Europa einen Anstieg der Fallzahlen. Die Kapazität für Intensivstationen wird in den kommenden Wochen erreicht”, so erklärte die Epidemiologin.

Auch WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus richtete auf einer virtuellen Pressekonferenz klare Worte an die europäische Politik: “Wir fordern die Staats- und Regierungschefs dringend auf, unverzüglich Maßnahmen zu ergreifen, um weitere unnötige Todesfälle zu verhindern”. Weiter erklärte der Immunologe: “In zu vielen Ländern ist ein exponentieller Anstieg der COVID-19-Fälle zu verzeichnen. Dies führt nun dazu, dass Krankenhäuser und Intensivstationen nahe oder über der Kapazität liegen – und wir sind immer noch erst im Oktober.“ Die WHO verwies dabei auf den bevorstehenden Beginn der Grippe-Saison, welche zusätzliche Krankenhauskapazitäten einfordern wird.

Tatsächlich werden die Kapazitäten in den Nachbarländern zu Deutschland bereits knapp. Aus Almere werden seit Freitag Intensivpatienten zur Uniklinik Münster geflogen, weil die Kapazitäten in den Niederlanden an ihre Grenzen geraten. Aktuell sind 2115 Corona-Patienten in niederländischen Kliniken in Behandlung. 501 benötigen intensivmedizinische Versorgung. Die Uniklinik Münster hält bislang 85 Intensivbetten für Patienten aus den Niederlanden auf Reserve.

Auch Tschechien befindet sich gerade mit Deutschland im Gespräch, um eine Notversorgung von tschechischen Patienten sicherzustellen. In Frankreich werden bereits Intensivpatienten quer durch das Land transportiert, weil die Kapazitäten in den Ballungszentren nicht mehr ausreichen. In Italien verhält es sich ähnlich. Auf dem Mailänder Messegelände wurde das COVID-19-Nothospital wieder eröffnet, weil die Intensivstationen der normalen Krankenhäuser wie in der ersten Welle wieder an ihre Grenzen geraten.

Im Frühjahr nahm Deutschland etwa 230 Intensivpatienten aus Nachbarländern auf. Derzeit stehen bundesweit etwa 7937 freie Intensivbetten bereit. 1203 Betten werden von COVID-19-Patienten belegt, die intensivmedizinisch behandelt werden müssen, 533 von ihnen werden beatmet. Damit hat sich die Zahl der Intensivpatienten binnen zehn Tagen verdoppelt. Etwa 21.000 Intensivbetten sind unabhängig von Corona belegt.